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Rechts vs. Links und Mann vs. Frau: Hemisphärendominanz (1), geschlechtspezifische Unterschiede und Emotion
Sonntag Nachmittag, ich laufe durch den riesigen Frankfurter Flughafen. Die Wir-zeigen-euch-den-Flughafen-Tour ist zu Ende. Auf zum Parkhaus! Wo lang? Ich denke: Wir müssen in der Abflughalle die mittlere Rolltreppe hoch, durch einen sonnigen Glasübergang zum Nebengebäude, vorbei am Blumenkübel mit dem *wie unverschämt* Abfall darin, dahinter um die Ecke, durch den schmalen Gang mit dem kalten Licht und mit dem engen Fahrstuhl abwärts. ICH bin eine Frau. Ein Mann dagegen durchläuft wohl folgende Gedankengänge: In Halle B eine Etage nach oben, danach links, 2 Mal rechts, dann lange geradeaus, wieder links und nach unten fahren. Typisch Mann! Typisch Frau?

Es wird viel darüber diskutiert, ob, wie und warum männliche und weibliche Gehirne verschieden „ticken“. Ebenso interessant und vielfach debattiert sind die funktionalen Unterschiede, die sich zwischen unseren beiden Gehirnhälften finden. Was wird hauptsächlich von der linken Hemisphäre gesteuert, was von der rechten und was von beiden zu gleichen Teilen. Allgemein bekannt sich typische Verhaltensmuster. Untersucht und ausgewertet wurden unzählige Verhaltenstests und Fragebögen, EEGs (2), PETs (3), MRTs (4), Befunde von Patienten mit Erkrankungen im Gehirn bzw. nach Verletzungen, Messungen am Gehirn selbst sowie feingewebliche Untersuchungen, etc.

Einige dieser Ergebnisse und HYPOTHESEN möchte ich nun auflisten und zusammenfassen.

Hemisphärendominanz

Auf den ersten Blick sehen sich unsere beiden Hemisphären, die deutlich von einander getrennt sind und lediglich durch den so genannten „Balken“ (5) und ähnliche kleinere Strukturen kommunizieren, durchaus sehr ähnlich. Aus diesem Grunde nahm man lange Zeit an, dass die rechte Hemisphäre eine Art „Ersatzteillager“ der linken Hemisphäre sei. Genauer betrachtet, erkennt man jedoch beim menschlichen Gehirn einen besonders starken Hang zur Einseitigkeit, zur Lateralisierung (6) zu der jeweils zuständigen Seite. Warum sind nun die Gehirnhälften lateralisiert, sprich für bestimmte Funktionen eher einseitig spezialisiert? Welche Vorteile bietet die Lateralisierung? Sie unterstützt das Multi-Tasking! Ein einfaches Experiment mit Hühnern hat zu diesem Thema gezeigt: Hühner, deren Hirnhälften bei der Verarbeitung visueller Reize völlig gleichberechtigt reagieren (7), haben Schwierigkeiten, mehrere Aufgabenstellungen gleichzeitig zu bewältigen. Hühner mit Hang zur Einseitigkeit kommen mit einem solchen "Multitasking" hingegen gut zurande. Konkret bedeutet das: Hühnern mit gleichberechtigten Hirnhälften fiel es deutlich schwerer Futter zu suchen und gleichzeitig Feinde im Auge zu behalten.
Der Mensch gilt als Großmeister der Einseitigkeit. Dabei übernimmt die linke Hemisphäre in der Regel die analytisch logischen Aufgaben, ja sie funktioniert analytisch, verbal (primäre und grammatikabhängige Wortbedeutungen), sequentiell (also ein Schritt nach dem anderen), zeitlich, digital, logisch, rational und deduktiv. Der linken Gehirnhälfte gefällt es also z.B. einen Budgetplan zu erstellen, eine Gleichung mit mehreren Unbekannten zu berechnen oder Schach zu spielen. Broca und Wernicke fanden bei Unfallopfern heraus, dass ganz bestimmte Teile der linken Hemisphäre für grundlegende Sprachfunktionen wichtig sind, während ein Ausfall der entsprechenden Teile auf der rechten Seite keinen Einfluss auf die Sprache hat. Die rechte Hemisphäre ist für das schöpferische phantasievolle Denken zuständig, sie funktioniert synthetisch, kreativ, nicht verbal (vielmehr Sprachmelodie und affektiv-emotionale Bestandteile der Sprache), visuell, gleichzeitig, räumlich, analog, ganzheitlich, intuitiv und induktiv. Sie bedeutet „also das ist, als wenn du barfuß über nasses Gras gehst...“ und vor allen Dingen ist sie darauf aus, den Wald vor lauter Bäumen zu sehen, d.h. sie will den Überblick bewahren. Sie ist am großen Ganzen interessiert und weniger an den Details. Es wäre also ihre Aufgabe ein Sonnenblumenfeld im Spreewald zu malen. Wie kommt es, dass einige der kreativsten Köpfe keine Bilanz verstehen können, während einige Buchhalter kein Gefühl für Produktdesign haben? Zum Teil durch Vererbung, aber hauptsächlich durch Erziehung und Ausbildung bilden sich bestimmte Areale einseitig dominanter heraus. Wiederholte Nutzung führt natürlich zu einer besseren Leistung, die wiederum zu einem positiven Feedback (Lob) führt.

Geschlechtsspezifische Unterschiede

Natürlich, es gibt bestimmte typische Verhaltensweisen – Typisch Mann, Typisch Frau. Was unterscheidet sich? Warum ticken wir anders? Gibt es einen biologisches Korrelat dazu?
Den Unterschied macht nicht der IQ, sondern die Art der Intelligenz = die Art der kognitiven Fähigkeiten. Männer zeigen ein besseres räumliches Vorstellungsvermögen (drehen von Bildern im Kopf), leichteres mathematisches Schlussfolgern, ein schnelleres und „richtungsorientierteres“ Lernen von Wegen mit besserem räumlichem Vorstellungsvermögen (Labyrinthversuche). Sie sind Frauen im Einsatz zielgerichteter motorischer Fertigkeiten (zielen und werfen, fangen) überlegen. Frauen können schneller erkennen, welche Objekte zusammenpassen, sie haben eine höhere Wahrnehmungsgeschwindigkeit, erledigen präzise manuelle Aufgaben rascher und können eine einmal gezeigte Anordnung von Gegenständen auf einem Tisch später genauer nachbauen. Sie sind Männern in verbaler Gewandtheit (Wortflüssigkeit) überlegen und finden schneller Wörter, die bestimmten Bedingungen unterliegen (z.B. mit einem bestimmten Buchstaben beginnen). Frauen merken sich einen Weg anhand von markanten Punkten (dem Blumenkübel mit Müll). Männer schneiden in einem Test, in dem sie in Gedanken die Buchstaben im Alphabet, die gesprochen ein „e“ enthalten zählen sollen, besser ab. Frauen liegt es eher, in einem ähnlichen Test, die Buchstaben zu zählen, die bei ihrer Großschreibung eine Rundung enthalten. Experimentell wurden Durchblutungsveränderungen im Gehirn gemessen, während männliche und weibliche Testpersonen bestimmte Aufgaben bearbeiteten. Dabei zeigte sich, dass bei Reimaufgaben die Durchblutung bei Männern in der linken Hemisphäre zunahm, während diese Mehrdurchblutung bei Frauen auf beiden Seiten etwa gleichmäßig war. Schlussfolgerung ist, dass die Verarbeitung der phonologischen Information (Reim) bei Männern auf die linke Seite lateralisiert, d.h. stärker asymmetrisch organisiert ist als bei Frauen, bei denen sich gerade Wahrnehmungsfunktionen weniger auf eine Seite beschränken. Dass nach Beobachtungen Verletzungen einer Hirnhälfte bei Frauen weniger Auswirkungen zeigen, scheint diese Aussage zu bekräftigen, ist jedoch als Beweis fraglich. Wahrscheinlicher ist, dass die kritische Region z.B. für Sprache im vorderen Bereich, der Tatsache unterliegt, dass sie seltener verletzt wird. Für eine gesteigerte Zusammenarbeit beider Hemisphären bei Frauen sprechen auch Untersuchungen, die darauf hinweisen, dass der Balken (s.o.) bei Frauen ausgeprägter ist und im Gegensatz zu den Männern im Alter auch nicht kleiner wird. Die Tendenz zur stärkeren Lateralisierung beim Mann bezieht sich nun allerdings nicht nur auf die Sprache, was wiederum die Frage aufwirft: Warum heißt es allgemein (Und ICH will das nicht abstreiten!) „Frauen wären die einzig wahren Künstler im Multi-Tasking“, wenn doch Lateralisierung das Multi-Tasking unterstützt (s.o.)?
Schon Ungeborene im Mutterleib zeigen eine deutliche Präferenz für die rechte Körperhälfte (à dominante linke Gehirnhälfte). Die meisten Menschen bevorzugen bekanntlich das rechte Auge, das rechte Ohr, den rechten Fuß und die rechte Hand
Lateralisierung zur linken Seite steht also auch in direktem Zusammenhang mit Rechtshändigkeit, Nicht-Rechtshändigkeit also mit geringerer Dominanz der linken Hemisphäre. Konfus ist nun wiederum die Häufung der Linkshändigkeit bei Männern und die Auslegung, dass selbst unter den Rechtshändern die Frauen noch „rechtshändiger“ seien als Männer, d.h. ihre rechte Hand noch mehr bevorzugen. Um noch einmal die Augen, bzw. die Sehbahnen im Gehirn zu kommen: Areal der visuellen Auswertung in der linken Gehirnhälfte bedeutet linke Sehbahn, die wiederum die linken Hälften beider Netzhäute abgreift und somit (Lichtstrahl durch Linse!) die rechten Gesichtsfelder beider Augen „erkennt“. Ist es nun denkbar, das linksdominante Rechtshänder Gesichter mehr anhand von Merkmalen, die sich vom Betrachter aus rechts im Gesicht es Gegenüber befinden  wahrnehmen und sich merken?
 

Wann kommt es bereits zu neuronalen Unterschieden zwischen Männern und Frauen, Jungen und Mädchen, männlichen und weiblichen Feten (8)? Nimmt man die Geburt als Landmarke auf dem Zeitstrahl, so wirken wissenschaftlichen Befunden zufolge bereits vorher Sexualhormone auf den Feinbau (Schaltung der Nervenzellen…) des Gehirns und prägen es. Danach nimmt auch die Umwelt weiteren Einfluss. Im Falle eines AGS (9) wird bereits im Mutterleib das Gehirn eines weiblichen Feten, derart vom Zuviel an männlichem Sexualhormon (Androgenen) irreversibel geprägt, dass später von „wilden und aggressiveren“ Mädchen, die auch im

Spielverhalten eher den Jungen ähneln und ein besseres räumliches Vorstellungsvermögen haben, gesprochen wird. Schon im Alltag lässt sich erkennen, dass Ursprünge der Differenzen sehr weit zurückreichen: Mädchen lernen schneller lesen als Jungen, Jungen zeigen eine Überlegenheit in visuell-räumlichen Fähigkeiten und im Sport beim Werfen und Zielen, was nicht mit sportlichen Erfahrungen erklärbar ist. Der frühe Einfluss von Hormonen wurde auch am Tierexperiment bewiesen: Wenn man ein Nagetier - etwa eine Ratte - mit ausgebildeten männlichen Genitalien unmittelbar nach der Geburt entweder durch Kastration oder Präparaten von Androgenen und deren Wirkung entbindet, zeigt es später weniger der männlichen sexuellen Verhaltensweisen, wie zum Beispiel Aufreiten, dafür mehr der weiblichen, zum Beispiel Lordosis (Emporrecken des Hinterteils).

Emontionen und ihr „Platz im Kopf“

Zentren der Emotion befinden sich im anterioren (vorderen) Teil unseres Gehirns. Bedeutende Ergebnisse wurden mit Hilfe des Wada-Tests (10) erbracht, der auf eine unterschiedliche Beteiligung der beiden Hemisphären an emotionalen Prozessen hindeutet. Nach Betäubung der linken Hemisphäre reagierten Patienten mit der songenannten Katastrophenreaktion: Weinen, Schuldgefühle, Gefühle der Wertlosigkeit, Zukunftssorgen, Hoffnungslosigkeit. Im Gegensatz dazu folgte einer Betäubung der rechten Hemisphäre die nahezu gegenteilige Reaktion: Lachen, Freude, Optimismus, Wohlbefinden bis hin zur unangemessenen Witzigkeit. Somit stellte man fest, dass die linke Hemisphäre eher an positiven und die rechte Hemisphäre eher an negativen Emotionen beteiligt ist. Durch Konstitution oder krankheits- oder unfallbedingte Veränderung führt nun ein „Weniger“ an links-positiver Aktivierung (Hypoaktivität) zu Depressionen und ein „Mehr“ an rechts-negativen Aktivierung (Hyperaktivität) zu Angst.
Es wird eine rechtshemisphärische Überlegenheit bei der Wahrnehmung emotionaler Reize angenommen.

Ausblick

Die gesamte Zusammenfassung stütz sich auf vielerlei Untersuchungen und Experimenten, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die vielen aufgeführten und allgemein diskutierten Hypothesen zu beweisen oder zu verwerfen. Anhand der vielen unterschiedliche Meinungen bleibt nun lediglich zu sagen, das Hypothesen wie „Sex differences in the brain cause sex differences in behavior“ bis auf wenige harte Daten bis heute noch keineswegs vollständig verstanden sind. Ich denke, dass alle „Ergebnisse“ mit Vorsicht zu genießen sind, wobei einige davon sicher eines Tages bewiesen werden können. Frei nach dem Motto „Ausnahmen bestätigen die Regel“ wird es immer Frauen geben, die Karten lesen oder eine Bohrmaschine bedienen (Jawohl!) können und Männer, die im Schlagballweitwurf versagen oder tatsächlich in der Lage sind, verbal ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen.In diesem Sinne: Baby, Think Twice!


Erläuterungen


1 Hemisphäre = hier: Gehirnhälfte
2 Elektroencephalogram; Ableitung der Hirnströme
3 Positronen-Emmissions-Tomographie
4 Magnet-Resonanz-Tomographie
5 auch Corpus callosum; das größte Nervenfaserbündel welches beide Hemisphären verbindet
6 lateral = seitlich, zur Seite
7 ständige Dunkelheit unterbindet die Lateralisierung der Hirne ungeschlüpfter Küken
8 Fötus = Embryo nach Ausbildung der Organe, also ab der 9. Schwangerschaftswoche
9 Adreno-Genitales-Syndrom; durch einen Enzymdefekt in der Nebenniere werden an Stelle von Kortison (und Aldosteron) vermehrt Androgene, die auch äußerlich eine Virilisierung von Mädchen bewirkten (vermehrte Körperbehaarung) gebildet
10 nach Juhn A. Wada; ein Anästhetikum wird in die rechte bzw. linke A. carotis interna (Halsschlagader) injiziert und betäubt die jeweilige Hemisphäre, um die „einseitigen“ Auswirkungen zu studieren

26.10.2004

 

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